Der Graf von Lutterberg  
Auf dem Hausberg bei Bad Lauterberg stand einst eine Burg des Grafen von Lutterberg, eines Geschlechts, das sich durch Edelsinn vor anderen auszeichnete, ein Schutz der Armen und Bedrängten. Dadurch kam es fortwährend zum Streit mit dem habgierigen Kloster Walkenried. Der letzte Graf von Lutterberg hieß Hermann. Er war mit Hildegard von Schwarzfeld (heute: Scharzfeld) verlobt. Beider Treffpunkt war der Frauenstein östlich der Ruine Scharzfels. Einst ritt Graf Hermann durch die Aue, um die Geliebte zu sehen, da fiel er in einen Hinterhalt der Walkenrieder Mönche. Er wurde gebunden in das Kloster gebracht, wo er sich durch Abtretung des größten Teils seiner Grafschaft lösen sollte. Als er nicht wollte schlugen die Mönche beide Hände ab, so daß er verbluten musste. Nun versuchten sie, Hildegard zu fangen. Einst weilte sie bei dem frommen Klausner an der Steinkirche, als sie die Mönche heranreiten sah. In Todesangst hob sie die Hände betend zum Himmel. Da trat ein merkwürdiges Tier um die Felsenecke, ein Pferd mit einem langen geraden Horn auf der Stirn. Mit Hilfe des Klausners bestieg sie das Einhorn und entkam den wütenden Mönchen, die aus Rache den Klausner von dem Felsen über der Steinkirche herabstürzten. Zerschmettert blieb er liegen. Hildegard wurde von dem Tier nach der Einhornhöhle getragen, wo sie sicher war. Ein Jahr tobte der Streit um den herrenlosen Lutterberg, bis die Grafen von Hohenstein ihn gewannen. So hatten die Walkenrieder Mönche ihr schändliches Ziel nicht erreicht. Hildegard starb unvermählt. In sternklaren Nächten kann man ihr an der Lutter unter dem Hausberg begegnen, wo sie den Grafen Hermann sucht. Sie weint leise vor sich hin. Wer ihr unbemerkt folgt, kann die goldenen Tränen finden und reich werden.
           
 Vom Auszug der Harzer Bergknappen    
 
Bis zur Zeit Kaiser Heinrich des Vierten war der Harzer Bergbau in gutem Stande. Der junge König, durch das Ableben seines Vaters Heinrich des III. mit sieben Jahren auf den Thron gekommen und vom Erzbischof zu Bremen in aller weltlichen Lust und Verführung erzogen, änderte auch in seinen späteren Regierungsjahren, die er zumeist in Goslar verlebte, nicht seinen ausschweifenden Lebenswandel. er zog sich durch seine Laster den Unwillen und die Feindschaft seiner sächsischen Untertanen zu, die mehr als einmal in offener Verschwörung gegen ihn aufstanden. Um seine Bergwerke im Harz zu besichtigen, kam er im Jahre 1080 auch einmal nach Pöhlde. Da er erfahren hatte, dass der wegen seiner Gerechtigkeitsliebe allseits verehrte Berghauptmann Albrecht von Lutterberg, dem das Scharzfelder Bergrevier unterstand, auf der Burg Scharzfeld ein junge und schöne Frau geheiratet habe, lud er ihn zu sich ins Kloster Pöhlde ein und schickte ihn von da aus nach Grund, die neuen Stollen zu besichtigen und ihm über ihre Ergiebigkeit Bericht zu erstatten. In der Zeit seiner Abwesenheit überfiel Heinrich mit Hilfe eines Pöhlder Mönches, der sich durch sein geistig Gewand Einlass auf der Burg zu Scharzfeld verschaffte, die Frau des Berghauptmannes und entehrte sie. Als Albrecht aus Grund zurückkam und von seiner tiefgekränkten Frau erfuhr, was geschehen war, ritt er am nächsten Tage dem Kaiser nach und forderte von ihm in Goslar Rechenschaft und Genugtuung. Hohnlachend erwiderte ihm der Kaiser Heinrich inmitten seines Gefolges: Alles, was auf dem Harze wächst, ist mein Eigentum! Kümmere du dich um das, was unter dem Harze liegt! Mit gezogenem Schwert drang Albrecht von Lutterberg auf den Kaiser ein, doch wurde er von den Gefolgsleuten überwältigt und hinausgedrängt. Hoch aufgerichtet stand er auf dem Platz und drohte mit dem zerbrochenen Schwert zur Kaiserpfalz hinüber: Das soll dich gereuen, dass du Gewalt vor Recht gehen lässt. Mit dem Schwertknauf schlug er an die bronzene Brunnenschale, dass es wie Sturmglockengeläut dröhnte, welches bis zu den Bergknappen tief im Rammelsberg drang, die eilig die Stollen verließen und in der Meinung zu Tage fuhren, es drohe ihrer Stadt Gefahr durch Feinde. Am Kindbrunnen begegneten sie dem Berghauptmann, der ihnen die Schandtat des Kaisers berichtete und sie aufforderte, mit ihm zu ziehen. So warb er, von Ort zu Ort reitend, in Clausthal, Zellerfeld, Andreasberg, Grund und Scharzfeld, und zog mit ihnen am dritten Tage aus dem Lande, nachdem sie überall die Stollen verlassen und die Fahrkunst zerstört hatten. In Freiberg fanden sie eine neue Heimat und gruben dort nach Silbererz, das nun nicht mehr die Schatzkammer Kaiser Heinrichs, sondern die seines Gegners, des Markgrafen von Meißen, füllte. Der Bergbau im harz soll zehn Jahre still gelegen haben, wie die alte Sage erzählt. Der Chronist Thomas Schreiber aber berichtet, dass sächsische Fuhrleute an dem Ort, da jetzt Freiberg steht, in einem Wagengleis einem dem Goslarschen Erz sehr ähnlichen Bleiglanz gefunden hätten, von dem sie einige Stuffen mit sich nach Goslar genommen, und als es Silber gehalten, sich die Sachsen an das böhmischen Gebirge gewendet haben, daher noch die Sachsenstadt bei Freiberg genannt ist. Das soll um 1170 zur Zeit des Markgrafen Otto gewesen sein, der davon reich wurde.